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Biface,
Oktober 2019, noch ungebrannt, 10 cm

Das Leben bietet bekanntlich auch Unangenehmes, Dinge, die wir uns nicht wünschen. Jedes Schöne, das wir bewundern und herbeisehnen, hat verschiedene Seiten, auch eine Kehrseite, wie man sagt. Wie kann ich auch diese sichtbar machen, ihr Ausdruck verleihen, sie darstellen. Das ist eine Frage, die mich gerade beschäftigt.

So ist in der letzten Zeit eine kleine Serie missmutiger Alter entstanden, die in meinem Atelier vor sich hin murren und jammern. Zwischendrin steht Biface, als wollte er sagen: „Kommt, lasst euch nicht so hängen, ich weiß was Besseres.“

Nach ersten Eindrücken von Betrachtern ist er Einer, der den Empörten mimt, seine Schlitzohrigkeit aber nicht ganz verbergen kann. Wie wirkt er auf Euch?

Wenn Ihr Biface und seine mürrischen Gesellen kennen lernen wollt … ein Atelierbesuch nach Absprache ist jederzeit möglich.






Archiv


Ausstellungsbeteiligung

Was?
Ich zeige Arbeiten in Ton und evtl. einige meiner Bilder.

Wo?
Beim "Tag der offenen Werkstatt" von Schmiedin Sandra Geruschkat und Team
Eisenschmelz 9a, 67722 Winnweiler

Wann?
Sa 06.07.2019 14-19 Uhr
So 07.07.2019 11-18 Uhr

Mehr erfahren?
Hier anklicken: Die Schmiedin, Winnweiler, Hausausstellung Juli 2019







Different ways of looking at my mother

28.Oktober bis 30.November 2018: Eine Bilderausstellung - die Einladung!

Als Tochter kümmere ich mich um meine alte Mutter. Doch wie kann ich das tun, so dass es für uns beide passend ist? Das ist eine Geschichte des Bemühens um Annäherung und Distanz. Je intensiver die Notwendigkeit des Kümmerns, desto wichtiger die Distanz, aus der ich mein Verhältnis zur Mutter klären kann ...






... und hier, statt einer Finissage:

Different ways of looking at my mother … mit Hilfe eines Fotos

12 Bilder, Frauengesichter, an meinen Atelierwänden aufgehängt, rundum - sehen mich an. Ich vermeide es, ihren Blicken zu begegnen. Ich bin noch so angefüllt mit den verwirrenden Erlebnissen, die ich während des Arbeitsprozesses durchwandert habe - Zartes und Heftiges, sanfte Berührungen, Verstehen, Befremden, Wut, Erschrecken und Traurigkeit.

Als ich die Bilder für die Ausstellung zusammenstellte und in Rahmen einsperrte, entfernte ich mich von ihnen. Sie wurden mir fremd. Doch Bilder wollen gesehen werden! Der Ausstellungstermin rückte näher, und die Besucher waren eingeladen. Sie kamen, waren neugierig und haben geschaut. Und manche waren so freundlich, mir mitzuteilen, was sie gesehen haben - ihnen gehört mein ausdrücklicher Dank! Was sie sagten, hat auch mir die Augen geöffnet : Different ways of looking – and talking about. Ich habe gelernt, meine Erlebnisprotokolle“ als Bilder zu sehen, wahrzunehmen, was sie ausdrücken und mitteilen.

Impulse für diese Art der Auseinandersetzung habe ich aus meiner Arbeit mit Kindern erhalten. Sie konnten mit Stift oder Pinsel bearbeiten, was sie gerade beschäftigte, es zum Ausdruck bringen. Es entstanden eindrucksvolle Bilder, die sie einfach liegen ließen, wenn sie fertig waren. „Das könnte ich mir doch auch mal geben!“ habe ich mir gewünscht, immer wieder verwickelt in Konflikte mit der Person, zu der ich ein Verhältnis habe, schon immer, immer wieder neu und so komplex, wie kein anderes.

Das Foto ist schon zwei Jahre alt. Es ist eine Momentaufnahme und zeigt meine Mutter auf einer Feier im Altenheim. Die wässrig blauen Augen sprechen mich an, obwohl der Blick sich im Nirgendwo zu verlieren scheint. Der leicht geöffnete Mund deutet ein Lächeln an, das sich womöglich im nächsten Moment von eine vorwurfsvolle Klage verwandelt. Hier liegt der Zündstoff für mein Projekt.





Irgendwann an einem offenen Augenblick, greife ich kurz entschlossen zu Papier und Bleistift, werfe das Foto vor mir auf den Tisch und schubse es ein paar Mal herum, um immer neue Blickwinkel zu haben. Was ich sehe, bringe ich jeweils als ununterbrochene verschlungene Linie auf Papier, ohne hinzusehen. Es macht Spaß und schafft eine freundliche Distanz. Der Anfang ist gemacht – und ich habe ein gutes Gefühl.
Der Blick der leicht zusammengesackten Figur aus Pinselstrichen auf Linienpapier verfängt sich im Leeren. Der Zufall beim Aufräumen hat noch einen Streifen Millimeterpapier drüber geschoben – das passt. Ein Menschlein, auf Linie gebracht, genau erfasst, um die Pflege zu optimieren.
Ich werde handgreiflich. In einer alten Tasse stelle ich ein Farbengemisch zusammen, das ich mit den Fingern heraus fasse. Die erste Berührung mit dem Papier ergibt eine überraschend lockere Frisur, die sich in der nächsten Runde ein passendes offenes Gesicht besorgt. Kess herausfordernd schaut die Person aus dem schweren dunklen Gewand, das ich sozusagen als Unterbau ergänze. „Was machen wir als Nächstes?“
Graue Farbreste kleben schmierig an Händen und Tasse. Mit geschlossenen Augen streiche ich sie, in zweihändiger Symmetrie auf das weiße Papier; am Scheitel beginnend, über die Ohren zu den Schultern und ein Stück die Oberarme abwärts – fertig. Über Wochen hängt das Blatt so an der Wand, kein Bild, ein unbestimmbares Etwas, Spuren eines Gefühls. Wochen später füge ich den Hauch eines Gesichts ein, die transparente Farbigkeit Aquarellstifte geben ihm einen Ausdruck.
Aber wo ist Mutter? Ich habe sie noch nicht gefunden! Auf dem Foto sitzt sie hinter einem Glas mit Rotwein vor den Rücken anderer Leute bei einem geselligen Nachmittag im Altenheim und sieht mich an. Ich zeichne sie ab. Das Ergebnis sieht ihr ähnlich. Doch was ist hinter der bekannten Fassade dieses Gesichts? Die Frage bleibt offen.
Mit Acryl auf Karton 30 x 40 versuche ich mit einem Format füllenden Gesicht die Antwort zu finden. In milden Farben entsteht eine wohlwollend blickende ältere Dame. Aha!
In einer Mischung aus leichtem Unmut und Grafit entsteht eine Oberlehrerin mit ausgeleiertem Mund und mit allen Wassern gewaschen. Sie weiß Bescheid, niemand kann ihr etwas erzählen.
Bewaffnet mit einem weichen Bleistift versuche ich mit schnellen heftigen Strichen einen Überraschungsangriff. Ich werde sie überrumpeln, damit sie keine Zeit hat, sich zu verschließen. Auf dem Blatt sitzt eine in resignierter Bewegungslosigkeit versackte Figur. Die treffe ich meist an, wenn ich nach dreistündiger Fahrt kurz vor dem Mittagessen im Altenheim auftauche.
Beim zweiten Anlauf, ich bin schon etwas besänftigt und gelassener als beim ersten Versuch - die Striche sind nicht mehr so hart, eher geschwungen und feinfühliger - zeigt sich ein Gesicht im Wechselspiel zwischen Licht und Schatten, unfassbar wie die tanzenden Blätter eines vom Sonnenlicht durchfluteten Baumes. Wer ist das?
Licht und Schatten, Hell und Dunkel, scharf und unscharf – mit dem Rötelstift entsteht eine Reihe von Gesichtern. Davon ist dieses das durchlässigste; es bleibt noch im Verschwinden lebendig. Zu meiner Überraschung sieht es Maria ähnlich, der Mutter meiner Mutter. Ihr Foto ist mir vor kurzem in die Hände gefallen, als ich versuchte, dem Geheimnis meiner Mutter auf Fotos aus ihrer Kindheit und Jugend näher zu kommen. Diese alten Fotos sind alle geschönt – sie helfen mir nicht weiter.

Ab und zu begegne ich bei meinen Besuchen im Altenheim einer verzweifelt wütenden Alten, sie drischt mit Vorwürfen auf mich ein - so wie neulich. Ich entziehe mich bis sich der Sturm gelegt hat. Zu Hause in meinem Atelier, ausgestattet mit Stiften, kann ich einem geduldigen Papier antun, was ich im wirklichen Leben nicht los werde. Ich zwinge sie aufs Papier, die wütende Alte in Schwarz, giftigem Blaugrün und Knallrot. Sie soll mit ihre Wut zeigen, ich will sie sehen! Die Energie verliert sich auf der Strecke, die heiße Wut kühlt so schnell ab, dass nur ein paar ausgebrannte Reste auf dem Papier erscheinen. Drei unbefriedigende Blätter. Nur der Text des mütterlichen Vorwurfs ist noch voll präsent. Wild entschlossen zerschneide ich alles, Gesichter, Figuren, Text und setze es willkürlich zusammen, immer wieder neu. Es wabert hin und her, deutet alles mögliche an, bis ich es schließlich festklebe. So muss es jetzt bleiben, Zeugnis von sich selbst ablegen, erschreckend düster. Nach einem Gespräch mit einer Freundin, das mir die Augen öffnet, entdecke ich die abgrundtiefen Traurigkeit in diesem zusammengesetzten Gesicht.
Für die Ausstellung habe ich den Kreis der Bilder ergänzt durch zwei ältere Arbeiten nach demselben Foto:
Rechts Portrait, unten mutterseelenallein.
Getrennt von den übrigen, in einem anderen Raum hängt eine Art Ikone aus Pastellkreiden. Die Lebensgeschichte meiner Mutter ist zu wesentlichen Teilen geprägt und gesteuert durch die deutsche Geschichte, die sie miterlebt und erlitten hat. Darin enthalten waren einige Grausamkeiten, die manche hoffnungsfrohe und vielversprechende Entwicklung abgeschnitten haben. Das teilt Mutter mit vielen Menschen ihrer Generation. Sie hat ihr Bestes daraus gemacht und es mir, ihrer einzigen Tochter mit auf den Weg gegeben. Danke!


Zum Abschluss mache ich noch eine Buntstiftzeichnungen. Sie besteht aus einer Aneinanderreihung kleinformatiger Porträts auf einem Blatt. So etwas habe ich schon öfter mal gemacht. Es eignet sich als Anschauungsmaterial für die Einladung zur Ausstellung. Auf einem der Minibilder entwindet sich der Stift meiner Kontrolle. Er fängt an zu schummern, das Bild schwillt an und wird undeutlich. Im Tun gleite ich in die Arbeitsweise, die ich bei Mutter oft beobachte: Ein suchender Stift versucht etwas ein zu fangen und zum Erscheinen zu bringen. Oft bleibt es undeutlich.



In meiner Mappe befinden sich deshalb noch 2 weitere Bilder, mit denen ich versuchte, diese Spur weiter zu verfolgen. Zu diesem Zweck habe ich sogar eine Zeichnung Mutters kopiert und leichte Veränderungen vorgenommen. Ich bin ihr dadurch sehr nah gekommen – sie möge es mir verzeihen.

Different ways of looking at …

… ist eine Möglichkeit, auf Distanz zu gehen zu einem Thema, an dem man sich festgebissen hat und mit Denken allein nicht recht weiter kommt. Mit Hilfe einfacher künstlerischer Werkzeuge und Techniken kann man sich ihm aus verschiedenen Richtungen nähern und damit spielen. Es kann sich so öffnen und Aspekte von sich freigeben, die einem verblüffen und in Erstaunen versetzen, man lernt es neu kennen und kann sein Verhältnis dazu neu definieren. Nicht zuletzt kann man beim zwanglosen Tun die Entdeckung machen, dass es geht!

Ein Versuch kann sich also lohnen. Ich kann dafür ein paar Impulse geben und Wege öffnen. Zu diesem Zweck kann ich einen workshop anbieten, in dem ein paar einfache Techniken vorgestellt und ausprobiert werden. Termine auf Anfrage.