Als „produktive Aneignung“ von Erlebtem und Gesehenem hast du dein künstlerisches Arbeiten gelegentlich beschrieben. Kannst du das erläutern?
Es geht mir darum, mich nicht dieser absichtsvollen Bilderflut, die uns überschwemmt, auszuliefern. Beim künstlerischen Arbeiten schaffe ich mir einen Raum, in dem äußere Eindrücke und meine inneren Bilder sich begegnen können. Ich lasse sie miteinander spielen und spiele mit ihnen.

Deine Bilder zeigen Menschen in Bewegungen und Affekten. Was fasziniert dich daran?
Meine Bilder sind Bühnen für menschliche Individuen, für ihre sichtbare Erscheinung. Es geht nicht um Denkinhalte, politische Absichten, gesellschaftliche Positionen dieser Menschen, oder die Mittel, mit denen sie arbeiten, sondern um die Figur, die sie abgeben. Diese steht im Raum und wirkt für sich allein. Das kann etwas Bloßstellendes haben, ein „Held“ z. B. steht da ganz verloren, ein Leistungssportler ringt verbissen mit sich selbst usw.

Das Erscheinungsbild deiner Figuren ist sehr unterschiedlich: Unbeschwert, leicht, tänzerisch, krampfhaft, verklemmt, verstohlen usw. Nimmst du damit jeweils Bezug auf ein bestimmtes Menschenbild?
Nein, so sollte man das nicht sehen. Wiedergegeben werden im Grunde körperlich manifestierte Affekte. Durch das Zusammentreffen von Menschen aus unterschiedlichen Zusammenhängen, Welten und Zeiten kann es zu Beziehungen und Verbindungen kommen, Fremde können sich auf meinen Bildern nah sein! Das Ganze ist ein Spiel zwischen Annäherung und Distanz, von mir inszeniert, ich werde spielerisch zur Schöpferin / Handelnden, eröffne mir und den interessierten Betrachtern neue Sichtweisen und Einblicke.

Kunstkenner werden in deinen Arbeiten gelegentlich Bezüge zur Kunstgeschichte entdecken. Ist das eine Quelle der Inspiration für dich?
Bei Streifzügen durch die Kunstgeschichte und in Werken bekannter Künstler faszinieren mich immer wieder deren Sicht- und Darstellungsweisen menschlicher Figuren. Ich verarbeite sie in meinen Studien, bzw. baue sie in eigene Arbeiten ein, letzteres eher als Assoziation, denn als Zitat.

Erkennbar ist auch eine gewisse Affinität zu phantastischem Realismus. Was verbindet dich damit?
Das ist für mich eine Art Gratwanderung zwischen Ernst und Lächerlichkeit, Annäherung und Distanz, also Gegensatzpaaren, wie auch phantastischer Realismus. Zum Beispiel das Bild „Alte mit Nashorn“: Die „Alte“ ist dem Seniorenwohnheim entnommen, das Nashorn seines natürlichen Habitats beraubt. Zum Trost habe ich sie gemeinsam in eine Wiese versetzt.

Auch viele deiner Tonarbeiten zeigen dieses Balancieren zwischen Phantastik und Realismus. Handwerklich ist das freilich etwas ganz anderes. Was reizt dich an dieser Art der Umsetzung?
Machen und „Begreifen“ werden zur hier Einheit. Ich kann meine Hände machen lassen. Das Material will begriffen, be–handelt werden. Die Auseinandersetzung ist sehr direkt. Ein weiterer Anreiz für mich ist die Faszination von natürlichen, gewachsenen Formen. Diese organische Stimmigkeit (Authentizität) strebe ich auch bei abstrakten Arbeiten an.

Die Fragen stellte Dr. Eugen Maus